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Therapie in der Muttersprache — warum das mehr ist als Bequemlichkeit

Wer in einer Zweitsprache fühlt, übersetzt erst, bevor er versteht. In der Therapie kostet das Tiefe. Eine Bestandsaufnahme.

Eine Patientin, die fließend Deutsch spricht und seit zwanzig Jahren in Berlin lebt, sagte einmal zu mir: “Ich kann auf Deutsch über meinen Vater reden, aber ich kann ihn auf Deutsch nicht spüren.” Wir wechselten ins Türkische. Innerhalb von zwei Minuten saßen wir an einem anderen Ort.

Sprache ist nicht nur Information

Die psycholinguistische Forschung ist hier ziemlich eindeutig: emotional aufgeladene Erinnerungen — vor allem aus Kindheit und Jugend — sind oft in der Sprache verschlüsselt, in der sie passiert sind. Wenn Ihr Vater sie auf Türkisch oder Arabisch oder Russisch angeschrien hat, dann liegen Wut, Angst und Scham in jener Sprache. Auf Deutsch können Sie davon erzählen — als Bericht. Aber die Erinnerung selbst wohnt anderswo.

Für Therapie heißt das: Wenn wir in einer Zweitsprache arbeiten, übersetzen Sie. Sie sind ständig in einem Mini-Modus von “wie heißt das Wort dafür auf Deutsch?”, “wie erkläre ich diesem Menschen meine Familie?”, “versteht sie das überhaupt?”. Das kostet kognitive Ressourcen, die in der Therapie eigentlich für anderes gebraucht werden: für Fühlen, für Erinnern, für das langsame Auspacken.

Was die Muttersprache anders macht

In der Muttersprache fällt diese Übersetzungsschicht weg. Patientinnen, die in ihrer ersten Sprache arbeiten, kommen oft schneller an emotionale Kernpunkte. Manche weinen zum ersten Mal in einer Sitzung. Manche sagen Dinge, die sie auf Deutsch noch nie gesagt haben, weil ihnen schlicht das Vokabular dafür fehlte. Andere lachen — weil Witz in der Muttersprache leichter geht und Lachen in der Therapie ein wichtiges Werkzeug ist.

Das heißt nicht, dass Therapie auf Deutsch für mehrsprachige Menschen “schlechter” wäre. Sie ist anders. Es heißt auch nicht, dass alles immer in der Muttersprache passieren muss. Bei vielen meiner Patientinnen wechseln wir je nach Thema: Beruf, Identität-im-deutschen-Kontext, Diskriminierung — das kann oft besser auf Deutsch besprochen werden, weil es dort gelebt wird. Aber Familie, Kindheit, Tod, Verlust, Scham — das liegt häufig in der ersten Sprache.

Was Sie für sich klären können

  • Wann träume ich in welcher Sprache? Das ist ein guter Indikator dafür, wo Ihr emotionales Zentrum liegt.
  • In welcher Sprache fluche ich, wenn ich allein bin? Wenn die Antwort eine andere ist als die Therapie-Sprache, lohnt ein Gespräch darüber.
  • Habe ich das Gefühl, mich erklären zu müssen? In einer guten transkulturellen Therapie sollten Sie das Gefühl haben, dass Ihre Welt nicht erst übersetzt werden muss, bevor sie ankommt.

Wie das in der Praxis aussieht

In meiner Praxis sprechen wir Deutsch, Englisch, Türkisch und auf Arabisch in Konversation (oder mit Dolmetschoption für tiefere Themen). Mein Eindruck nach zehn Jahren Praxis: Mehrsprachigkeit ist in der Therapie kein Komfort, sondern oft der Unterschied zwischen “ich habe darüber gesprochen” und “ich habe es bearbeitet”.

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Themen besser in Ihrer Muttersprache aufgehoben wären — sagen Sie es im Erstgespräch. Wir probieren beides aus, Sie merken den Unterschied schnell selbst.

Lassen Sie uns sprechen.

Das Erstgespräch ist 15 Minuten lang, telefonisch und kostenfrei. Sie müssen nichts vorbereiten.